Die Arbeit mit den Familien impliziert die Anerkennung bestimmter Regeln und Voraussetzungen:

  1. Man kann keine Verbesserungen im Verhalten der Familie erwarten, solange deren wirtschaftliche Not und rechtliche Bedrohungssituation das Maß der Erträglichen überschreitet. Um Ressourcen für die Bewältigung von familiären Konflikten zu flüssig zu machen, muss der von außen lastende Druck gelindert werden. Beispiele: chronische Verschuldung, Sperrung der Energieversorgung, drohende Wohnungsräumung, drohende Ausweisung und Abschiebung, Haftankündigung.

  2. Es gibt kaum eine Familie, die nicht Schulden abzahlen muss.

  3. Auch wenn die von außen zu leistende Unterstützung von der betroffenen Familie zunächst, für kürzere oder längere Zeit, passiv empfangen und wahrgenommen wird, sind solche Interventionen unvermeidlich, wenn die Situation verfahren, die Familien zu hilflos oder die Notlage zu brennend ist. Wer zu entkräftet ist, um sich selbst zu helfen, braucht Stärkung von außen, bis er/sie selbst wieder initiativ und aktiv werden kann.

  4. In anderen Problemsituationen (z.B. nach Überwindung der drängendsten Prekärsituation) zielt die Hilfe darauf, der Familie Gelegenheiten zu verschaffen, ihre Angelegenheit selbst zu vertreten. Viele der Betroffenen haben Angst vor den Institutionen, wo sie schon unzählige Male abgewiesen worden sind. Sie fürchten sich, allein dorthin zu gehen, wo sie sich klein und wertlos fühlen müssen.

  5. Im konkreten Bedarfsfall kann die Hilfe darum (a) in einem vorbereitenden Gesprächstreffen, ggf. mit der gemeinsam erarbeiteten Abfassung von Schriftsätzen, und daran abschließend (b) in der Begleitung der Betroffenen beim Ämtergang bestehen.

  6. Bei Anliegen, die mehrere Familien gleichermaßen betreffen, können gemeinsame Treffen organisiert werden, in denen die Betroffenen mit Vertretern und Vertreterinnen der Behörde auf Augenhöhe verhandeln zu können. Beispiel aus unserer Praxis: Treffen mit Betroffenen und Vertretern des Jobcenters, einer Abgeordneten des Landtags und einigen von der Arbeitsagentur finanzierten Bildungsträgern, in dem wir um Ideen und Vorschläge für einen besseren Weg zum Berufserwerb verhandelten.

  7. Ein wesentliches Merkmal bei gemeinsamen Zusammenkünften oder Einzelkontakten mit Behördenpersonen besteht darin, dass die Betroffenen ihre antrainierte Rolle der demütig Bittenden und Empfangenden von Asylbewerberleistungen und SGB-II-Hilfen abstreifen und positiv-konstruktive Erfahrungen damit machen, dass sie gegenüber Amtspersonen gleich welcher Stufe in der Behördenhierarchie ohne Furcht vor der Macht willentlich gesteuerter und automatisch verlaufender Verwaltungsprozeduren das klischierte Rollengefüge zwischen Klein und Groß, machtloser Hilfebedürftigkeit und überlegenem Amt habituell unterlaufen können.

  8. Die Betroffenen können lernen, dass sie, wenn sie den Mitarbeitenden in der Behörde auf Augenhöhe gegenübertreten, viel weiter kommen als mit Furcht und Unterwürfigkeit.

  9. Wichtig für eine strategische Hilfeplanung ist es, die Betroffenen zu unterstützen, sich an denjenigen in ihrer Familiengruppe, Gemeinde, Community zu orientieren, die zeigen, dass und wie man sich auch gegen schwere wirtschaftliche und behördliche (z.B. aufenthaltsrechtliche) Belastungen erfolgreich behaupten und Auswege aushandeln kann.

  10. Vorbildeffekte sollen potenziert werden, Mutige sollen empowert und unterstützt werden, damit sie die weniger Mutigen, Schwachen und Ängstlichen motivieren können. Beispiel: Zwei afrikanische Pflegefachfrauen haben in den zurückliegenden vier Jahren insgesamt 81 Angehörige der afrikanischen Gemeinschaft in der StädteRegion, drei Viertel von ihnen allein erziehende Mütter, motiviert und erfolgreich gecoacht, eine Ausbildung zur Pflegehilfekraft zu absolvieren, mit der etliche von ihnen eine Arbeitsstelle gefunden haben.