Hauptschulabschluss als Zulassungsvoraussetzung - Sollen auch diejenigen mitmachen können, die ihre Zeugnisse bei der Flucht nach Deutschland verloren haben?

Ja! Nach dem Altenpflegegesetz (AltPflgG) sollen an der Ausbildung zwar nur diejenigen teilnehmen können, die einen Hauptschulabschluss bzw. "eine andere abgeschlossene zehnjährige allgemeine Schulbildung" (§6 AltPflG) haben. Aber dies bedeutet nach unserer Auffassung nicht zwingend, dass man seinen Schulabschluss in Form eines Zeugnisses nachweisen muss...

Denn nicht wenige unserer Bewerber/innen konnten ihre Papiere bei der Flucht aus Afrika nicht mitführen und haben sie heute verloren. Weil jedoch die Behörden und Ausbildungsstellen das derzeit noch nicht akzeptieren können, haben wir die Bezirksregierung Köln gebeten, die Möglichkeit einer Ausnahme-Regelung zu prüfen.

Dabei gelten die folgenden Voraussetzungen:

  • Alle Teilnehmer/innen haben in Afrika eine reguläre 12-jährige Schulausbildung absolviert.
  • Die Zulassung zur Ausbildung kann analog zu der Regelung bei fehlenden Nachweisen von Berufsqualifikationen gemäß dem Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) erteilt werden.
  • Nach dem Vorbild von §14 Absatz 1 BQFG könnten die Betroffenen gegenüber der Bezirksregierung eine eidesstattliche Versicherung über ihre im Heimatland erworbene mindestens 10-jährige allgemeine Schulbildung abgeben.
  • Sodann könnte ein gutachtliches Fachgespräch mit dem ausbildenden Fachseminar erfolgen, um die allgemeinen Lernvoraussetzungen und ausbildungsrelevanten Vorleistungen der Bewerber/innen festzustellen.
  • Neben der erworbenen Schulbildung können hierbei auch frühere Berufstätigkeiten, Praktika in stationären und mobilen Pflegeeinrichtungen, Teilnahmen an Kenntnisvermittlungen und Kombi-Pflege-Kursen, Erfahrungen und Kompetenzen aus Eltern- und Familienzeiten sowie Engagements in Kirchengemeinden und in der sonstigen Community thematisiert und gewürdigt werden.
  • Sollte die Bezirksregierung es für erforderlich halten, könnten wir darüber hinaus begleitend zur Fachausbildung im ersten Ausbildungsjahr ein Lern-Modul „Bestätigung der HSA-/FOR-Kompetenz“ integrieren und bei erfolgreichem Abschluss im ersten Jahreszeugnis bescheinigen.
  • Als langjährig erfahrene Trägerin von HSA- und FOR-Kursen würde uns bei der Umsetzung eines solchen Moduls die VHS Aachen als Projektpartnerin zur Seite stehen.

Ganz grundsätzlich soll aber auch gelten: Wir wollen mit unserem Ausbildungsprojekt Inklusion verwirklichen. Dies impliziert, dass wir über die Frage hinaus, ob und wie unsere Leute eine erbrachte abgeschlossene 10-jährige Schulbildung per Zeugnis nachweisen müssen, auch Auszubildende aufnehmen sollten, die tatsächlich keinen Schulabschluss nach Klasse 10 erworben haben.

Eine "abgeschlossene zehnjährige allgemeine Schulbildung" erwirbt man (dafür ist sie vorgesehen) im Kindes- und Jugendalter. Junge Erwachsene ohne Schulerfahrung können an der VHS Aachen einen Hauptschulabschluss einschließlich vorangehender Alphabetisierung in 2 - 3 Jahren erwerben. Die Wissens- und Lernkompetenzen, welche der Gesetzgeber im Allgemeinen durch eine abgeschlossene zehnjährige allgemeine Schulbildung gewährleistet sieht, können entsprechend dem individuellem Förderbedarf der Auszubildenden auch in einem 3-jährigen Altenpflegekurs transferiert und memoriert, vertieft und erweitert werden.

Die Eignung und Motivation zur Ausbildung wird in Gruppen- und Einzelberatungen durchgesprochen, in denen die potenziell Auszubildenden ihre Interessen und ihre Möglichkeiten zu Engagement und Leistung erkunden. Wir wollen Ernst machen mit dem Leitsatz: "Niemand soll verloren gehen" und sind zuversichtlich, dass es bei uns deutlich weniger Abbrüche geben wird als in anderen vergleichbaren Kursen.

 

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